Der traurigste Junge der Welt

9 Sep

An einem Tag, an dem das Einkaufen keinen Spaß machte, an dem ich Stress und Frustration in so vielen Gesichtern sah, an einem solchen Tag fiel mir in der Mall in Q7 das Werbebild eines jungen Mannes auf, in dessen Gesicht ich wie in keinem anderen alle Traurigkeit und Trostlosigkeit wiederfand. Ja es schien, als nehme er stellvertretend für uns jenes zwangsläufig unbefriedigte Dasein auf sich und seine übergroße Darstellung erweckte den Eindruck, er habe uns als Vorbild zu dienen. In dieser Vorbildlichkeit gibt es keine Freude und keine Erwartungen. Wir schauen mit ihm in eine Leere und vermissen nichts. Keine Sehnsucht, kein anderes Leben. Kein Aufstand, kein Geschrei. Seine Gesichtszüge erinnern mich an Mick Jagger. I can´t get no satisfaction. Kein weiterer Versuch mehr. Zu oft schon vergeblich. Es ist vorbei. Nebenan eine Video-Schleife in schwarz-weiß. Ein alter Mann zeigt mit Stolz sein bärtiges Gesicht, der High-Dynamic-Range-Effekt verstärkt die grobporigen Spuren seines offensichtlich erfolgreichen Lebens. Es war einmal. Die Zukunft wird faltenfrei. Eure perfekte Welt, sagt der Junge, hat mir die Hoffnung genommen. Aber ich weiß, dass Perfektion eine Illusion ist. So habe ich weder Hoffnung noch Illusion. Du kannst dir denken, dass ich geweint habe, sagt er. Es ist nicht so, dass ich cool bin. Es ist nicht so, dass ich klar denken könnte. Meine Augen müssen viel sehen. Es ist so, sagt er: Ich bin jung. Ich habe Gefühle und ich bin einfach traurig. Traurig und müde.

Kurz spielte ich noch mit dem Gedanken, im unteren Stockwerk bei Schnaps und Liebe einen zu zwitschern, aber dann ging ich doch gleich nach draußen und fand, wir hatten mal wieder ein echt komisches Wetter. Ich habe keine Ahnung, was es mit dem Burschen sonst so auf sich hat, aber ich denke, er hat einen guten Job gemacht.

Der traurigste Junge der Welt
Q7,Q6 Mannheim
Schaufenster Seidensticker

(284) 09.2017

Rosen von Mahmud

29 Aug

Seit mehr als 30 Jahren zieht er durch die Mannheimer Nächte und ja, ich weiß, es passt nicht immer. Doch es genügt schon ein einfaches Kopfschütteln oder eine kleine abwehrende Handbewegung und er bewegt sich weiter zu dem Pärchen am Nebentisch oder verschwindet ohne große Worte wieder durch die Tür nach draußen. Doch, lieber Freund, welch ein Glück bringt er dir, wenn du es zulassen kannst! Wenn du dich nicht belästigt fühlst und der Moment wie ganz selbstverständlich Rosen verlangt. Dann ist Mahmud, als wäre es immer so gewesen, unser geheimnisvoller, ja verschwörerischer Bote jener wunderbaren Magie, die wir Liebe nennen und wir möchten ihn niemals missen.

Rosen von Mahmud
Abends in den Gaststätten der Innenstadt

(283) 08.2017

Rheinau See Cablepark

24 Aug

Irgendwie hatte ich die Idee, ich könnte meine Urlaubsgefühle noch ein bisschen bewahren, wenn wir uns aufs Rad schwingen und an den Rheinauer See fahren, wo die Wassserskifahrer ihr Domizil aufgeschlagen haben. In ferner Erinnerung gab es da eine improvisierte Strandbar. Also raus Richtung Süden, die Drais-Route entlang und darüber hinaus bis Rheinau-Süd. Keine Hinweisschilder zum See und so lernt man erstmal das Siedlungsgebiet ein wenig kennen. Trotz aller Häuser entdecken wir den See dann doch und an seiner Südwestspitze den Eingang unseres Ziels.

Exotischer als erwartet finden wir einen kleinen Sandstrand vor, der (gegen Eintritt 3 Euro) mit einem Inselfloß tolle Spielmöglichkeiten für Kinder bietet. Da die Strandbar geschlossen ist, bewegen wir uns vorbei an Wakeboardern und anderen Gästen zum Bistro und damit in Richtung Dreh- und Angelpunkt der Anlage. Der Cappuccino gleicht, trotz dem liebevoll aufgestreuten Kakaopulver, einem Schlag ins Wasser, aber sportlich gesehen habe ich ihn bestellt und übernehme somit die alleinige Verantwortung. Eine Bionade oder ein Weizen wären hier wohl die angemessenere Wahl gewesen.

Auf der Terrasse werden wir nun ganz entspannt Zeugen des sportlichen Treibens unterschiedlichsten Niveaus. Während ein alter Skihase mit heiligem Ernst und in perfekter Körperhaltung seine Runden dreht, reicht das Können eines Anfängers nur für wenige Meter, bevor es mit einem schönen Platsch ins Wasser geht. Die Kunst besteht nämlich darin, auf dem Wasser zu bleiben. Völlig gelassen der Bursche, der die Seile einholt und für die Starts sorgt, keine Kommentare selbst nach dem zehnten missglückten Versuch. Er bleibt auch zumindestens äußerlich gänzlich ungerührt, als unser Anfänger es glücklich an Sprungschanzen vorbei weit hinaus bis in die Mitte des Sees schafft, dann aber in der entscheidenden Kurve rausfliegt und das Seil schleudernd und zappelnd von nun an ohne ihn den See umrundet. – See you later, alligator. Zufrieden nehmen wir nun unsere weitere Fahrt Richtung Kollerinsel auf.

Wasserski + Wakeboarding Mannheim
Peter Lindenberger
Rohrhofer Straße 55
68219 Mannheim Rheinau

Telefon: 0621 – 8 93 03 22

(282) 08.2017

Zum Hühnerstall

30 Jul

Unbeirrt vom stummen Aufschrei meines inneren Veganers überwinde ich die drei Stufen, um im Hühnerstall meine Bestellung aufzugeben. Grillwägen kommen und gehen, der Hühnerstall bleibt bestehen. Drei junge Mädchen vor mir können sich nicht entscheiden, ob sie Pommes geschenkt bekommen wollen. Ein anderer Typ zischt gerade mit einer Tüte ab, nachdem er durch mehrmaliges Antippen auf den Bildschirm, der die fällige Summe überdeutlich ausweist, verstanden hat, was zu zahlen war. „Seit zwanzig Jahren hier und kein Wort Deutsch“ kopfschüttelt die Wirtin. Von wegen Parallelwelt, denke ich, stoßen wohl doch zusammen. Und schon bin ich dran mit meiner Bestellung. Sicher, zwei Halbe gibt´s auch zum Mitnehmen und zwei kühle Eichbaum Pils, oder doch lieber drei…eines für den Durst, eines noch auf den Löbel…
Ich zahle problemlos. Beim Rausgehen grinst mich ein alter Mann zufrieden an, der an einem kleinem Tisch vor einem Teller mit abgenagten Knochen sitzt. Über ihm ein Tapeten-Wandfries mit naiver Malerei vom fröhlichen Landleben. Früher beauftragte man kurz vor Mitternacht einen Taxifahrer seines Vertrauens mit dem Hähnchenabholen. Jetzt freut´s mich grade, dass ich selbst hier bin.

Zum Hühnerstall
Am Meßplatz 5
68169 Mannheim
Telefon: 0621 3362389

(281) 07.2017

Schokinag

27 Jul

Es ist eigentlich völlig dröge, dass ich hier über Mannheims unsichtbares Wahrzeichen schreibe. Selbst Touristenführer haben den Braten schon längst gerochen und erklären die Emissionen der Schokoladenfabrik zum olfaktorischen Highlight Mannheims. Aber, die Konkurrenz schläft nicht: Gerade wurden die türkischen Holzkohle-Grilldämpfe rund um den Marktplatz zum Aufsteiger des Jahres gekürt.

Also mal wieder zufällig mit dem Fahrrad duch die Neckarvorlandstraße. Geruchsmäßig hat sich in den letzten vierzig Jahren nicht viel verändert, trotz der stetig verbesserten Filteranlagen, wie man immer wieder liest. Vielleicht hat sich zum Ausgleich aber auch immer die Produktionsmenge erhöht. Will ich jetzt gar nicht so genau wissen. Man könnte ja ne Führung buchen für die ganzen Details. Und, was rieche ich jetzt?

Tja, es gibt da mindestens zwei Gerüche. Den einen offiziellen Kakaogeruch und einen, der mir in der Holzstraße um die Ecke mit voller Wucht entgegenschlägt, ein Geruch so dumpf und schwer, bei dem man alle Hoffnung aufgibt, dass er jemals gen Himmel steigen wird. Bei uns sagt man: riecht wie oigschloofene Fies. Des is dann für mich des echte Monnem. Bin ja schließlich kein Tourist. Kä Wunner übrigens, dass die Arbeider do in ihrer Paus mol ä ahstännische Zigarrett plotze müsse, odda?

SCHOKINAG-Schokolade-Industrie GmbH
Neckarvorlandstrasse 21-25
68159 Mannheim/Germany

(280) 07.2017

Stadt.Wand.Kunst

17 Jul

Um es klar zu sagen: Ich mag den Zeichenstil von Mehrdad Zaeri und habe ihn hier ja auch schon in zwei Beiträgen gewürdigt. Genießen wir also zunächst einmal die liebevollen kleinen Details seines großen Wandgemäldes in B6,4, bevor wir uns dem Unbehagen und den Widersprüchen widmen.

Ich find´s schon toll, wie er die bereits vorhandene braune Fassadenfarbe wie einen Zeichenkarton einsetzt.

Stadt.Wand.Kunst ist eine Kulturinitiative der Alten Feuerwache, der GBG, der Stadt Mannheim und Montana-Cans. Die Idee ist, eine öffentliche Gallerie zu errichten mit freiem Eintritt. Aktuell gibt es glaube ich schon 14 Wandgemälde, manche nur temporär. Nun ist Kunst ein zu großes Wort, als dass ich es hier fassen könnte und auch mit Abhandlungen über die Bedeutung und Aufgaben von Museen und Galerien lassen sich ja Regalwände füllen. Eine übliche Gemäldegalerie hat ja zunächst einmal den Vorteil, dass ich hineingehe um bestimmte Bilder zu sehen und dann auch wieder rausgehe. Das funktioniert im öffentlichen Raum ja so nicht. Und natürlich könnte es in Museen an einem Bürgertag in der Woche für alle Mannheimer freien Eintritt geben bis 22 Uhr und für Kinder und Jugendliche bis 25 Jahren sowieso immer. Warum also Stadt.Wand.Kunst?

Die Stadt der Zukunft ist die Stadt der Kreativen, heißt es. Die Konkurrenz der Städte untereinander erfordert Strategien im Kampf um Attraktivität und Investoren. Kunst ist Mittel zum Zweck und natürlich, bei den großflächigen Wandgemälden, den sogenannten murals ist die Frage nach Kunst als Fassade regelrecht angelegt. Eine beauftragte Kunst mit Schauwert, zum Bestaunen und Erbauen, die bei ihrer Größe auch immer etwas totalitäres für mich mitschwingen lässt.

Die GBG, Mannheims größte Wohnbaugesellschaft, die vor kurzem noch gegen den Widerstand der Bewohner den Abriss eines Wohnblocks durchzog, um ihn durch teurere Wohnbauten zu ersetzen, wirkt hier als großzügiger Partner der Kreativen. Der Rest lässt sich in Handbüchern zur Gentrifizierung nachlesen. Was aber hat Kunst nun mit mir zu tun, während ich so heraufschaue? Werde ich als Teilhaber des öffentlichen Raum wahrgenommen, bin ich Teil des Kreativprozesses? Kann ich vertauen? Wenn ich falle, fangt Ihr mich auf? Sorgt ihr dafür, dass ich nicht falle?

Vielleicht willst du uns, lieber Mehrdad Zaheri, aber diese Geschichte erzählen: Der Käfig, der viel zu klein war, ist nun offen. Die Vögel sind groß, aber keiner weiß zu fliegen…

Stadt.Wand.Kunst
Mannheims begehbares Museum im urbanen Raum

(279) 07.2017

Kiosk am Gartenschach

11 Jul

Besonders an trüben Tagen, wenn sich keine doppelten Schlangen am Kioskschalter bilden, erweist sich der Kiosk mit seinen Sitzgelegenheiten als ein sehr entspannter Ort. Mit ausreichend Muße betrachte ich also das kleine Wandgemälde seitlich am Kiosk, welches Szenen aus dem Parkleben zeigt: Die Duojing-Bahn fährt ohne Fahrgäste, eine Gondoletta gerät in Seenot, Sonnenschirme dienen als Regenschutz.
Die Freiluft-Atmosphäre fordert unweigerlich eine große Rieslingschorle heraus. Zufrieden nehmen wir die geräuschlosen elektrochemischen Prozesse wahr, Korrosion und Rost erweisen sich mit einem Mal als verlässliche Verbündete.

Kiosk am Gartenschach
Luisenpark

(278) 07.2017

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