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Ella & Louis

3 Okt

Hurra, Herbstblätter und Winter können kommen, wir haben einen Jazz Club! Der fehlte schon seit Ewigkeiten und plötzlich eröffnet er, mit den Worten unseres OBs, inmitten unserer Gesellschaft. (bei Mitte denke ich immer an Schieberegler) Jedenfalls nicht in Harlem, nicht die 52.Strasse, Mitte repräsentativ, meint Wasserturm, meint Rosengarten, meint keine Gefahr, keine Gentrifizierung, keine Kündigung, meint gute Geldgeber. Eine tolle Leistung, was Thomas Siffling, selbst stadtbekannter Jazztrompeter, hier auf den Weg gebracht hat.

Wenn jemand wie ich schon so lange auf einen Jazz Club gewartet hat, sind die Erwartungen natürlich riesengroß, groß wie die Namen Ella (Fitzgerald) und Loius (Armstrong) und allein schon die Idee eines Jazz Clubs finde ich inspirierend.

Nun die Treppe hinab, kleine Tumulte an der Kasse, sechzehen Euro fürs Konzert nicht wenig, Reservierung natürlich. Ich realisiere: wir sind doch nicht in einem schwarz-weiss Film, trotz newsboy caps, der Service mit breiten Hosenträgern a la 20er, 30er. Die Bühne ein bisschen hoch, lieber Gott, lass es keine Kleinkunst sein. Die aufgestellte leichte Holzbestuhlung kann man ja beiseite räumen, wenn getanzt wird. Meine attraktive Begleitung sorgt für die Sinnlichkeit, die der Einrichtung etwas abgeht. Also es ist kein Club Royale, mit Plüsch und so, der Style mit Holz, Backstein und Sichtbeton orientiert sich am aktuellen Design moderner metropoler Jazz Clubs. Eine große Bar und nun, in den Anfängen, muss sich alles noch füllen, die Regale mit Flaschen, mit Geist, füllen mit Publikum, mit Szene, mit guter Gesellschaft. Der gute Klang ist schon da. Zwei (!) Konzerte in der Woche und Barpiano zum Wochenausklang. Und auch die Mannheimer Jazzmusiker-Szene kommt ans Licht.
Und was wird aus meiner verklärten Vorstellung von Round Midnight, von Jam Sessions After Hours? Die Dealer in der Ecke sind schon lange von uns gegangen, der Kaffee morgens um halb vier kalt und ungetrunken, die dummen Sachen, nicht gemacht, der schwarze Edding ungenutzt. So ein Club nimmt dir die Zigarette aus dem Mund, wie es Mode ist heute, wie überall auf der Welt, er will dich gesund, bringt dich früh ins Bett. Die Drinks sind teuer genug, um rechtzeitig aufzuhören. Damit du morgen wieder ran kannst. Ist schon okay so. Will ja lebend wiederkommen. Bin eh schon lange Nichtraucher. Niemand muss für mich wegen der Kunst sein Leben geben. Aber, wenn jemand was riskiert, find ich’s großartig. Jazz gibt die Möglichkeit und der Club die Bühne. Wir haben die Chance, viel Neues zu entdecken. Sollten sie nutzen, regelmäßig.

Ella & Louis
Jazz Club
Rosengartenplatz 2
68161 Mannheim

(327) 10.2018

Destille Nr. 13

5 Jul

Apropos kulturelle Leuchtturmprojekte: Soweit ich das sehe, ist die Destille Nr.13 die letzte und einzige Eckkneipe in den Quadraten. Und das mit allem drum und dran: Zapfhähne, Kölsch, Qualm, Musik, Spielautomat, Thekentrinker, Fußballübertragung und hinterm Tresen eine Bedienung, die ihre Jungs gut im Griff hat. Lokalheiligtum!

Destille Nr. 13
Q2, 13
68161 Mannheim

(313) 07.2018

Binokel

4 Feb

Die massiven Bombenabwürfe im 2. Weltkrieg haben in Mannheim nicht viel Gemütlichkeit übrig gelassen, wenn sie denn überhaupt einst in den bürgerlichen Cafes anzutreffen war und es vielleicht nicht doch nur stocksteif zuging in Gebäuden, die nach dem herrschendem Zeitgeist im Stil des Historismus erbaut waren. Hinsichtlich dieser Historie finden wir in O1 eine Einkehr mit Alleinstellungsmerkmal in der Innenstadt. Belle Époque nennen wir jedenfalls etwas schmeichlerisch die damalige Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts und sogleich stehen uns die 2011 zum Weltkulturerbe erhobenen Wiener Kaffeehäuser vor Augen, aber natürlich auch Pariser Bistros. Also geht’s hinein ins Binokel an den Kapuzinerplanken, das uns tatsächlich mit dieser nostalgisch romantischen Atmosphäre empfängt, als hätte es Kriege nie gegeben und uns Platz nehmen lässt auf dunklen Kaffeehausstühlen, hier große Spiegel, da ein verspieltes Deckenfresko, ein Sandsteintor an hoher Wand und alles mit einer gehörigen Portion Patina, damit wir nicht unnötig fremdeln, sondern uns sogleich heimisch fühlen und eigentlich könnten wir noch den Lärm des Mannheimer Bierkrawalls vernehmen, als 1873 eine deftige Bierpreiserhöhung die Mannheimer Proletarier auf die Straßen trieb gegen die Ungerechtigkeit des Großkapitals , oder uns in Erinnerung rufen, dass auch die Wiener erst durch die Türken zum Kaffee kamen. Doch schon blättere ich in der Karte (im Nachhinein betrachtet müsste ein Croque Monsieur drinstehen), ein Spiegelei bitte, jedenfalls froh, asiatischem street food entkommen zu sein, das ich eigentlich mag wenn´s gut gemacht ist, doch dabei insbesondere den Umstand vermieden, hinter einer großen Glasscheibe zu sitzen, präsent am Platz, als wäre die Stadt ein Großraumbüro und somit zufrieden, hier ein kleines Versteck gefunden zu haben. Aber ich merke schon, ihr müsst weiter und ich schweife aus, ich schweife ab, auch wenn dies sicher ganz im Sinne des Binokels ist, das uns mit seinen grade mal ein paarunddreißig Jahren sehr angenehm irgendeinen Charme der letzten 150 Jahre vorspielt. Abschweifen ist schließlich ein Vorrecht der Freizeit und die ist hier, während ich ausnahmsweise mal zur Mittagszeit frühstücke, doch einigermaßen gut verbracht. Also, wenn ihr gehen wollt, ich bleib noch.

Bistro Binokel
Café – Bistro – Bar
O7, 1
68161 Mannheim
Fon: 0621-23074
Fax: 0621-1289686

(300) 02.2018

Klokke

19 Dez

Zu Recht wird diese neu eröffnete Lokalität viel beachtet und gelobt. Als selbst ernanntes Anti-Café reagiert Klokke in neuer Weise auf einen Bedarf, der ganz offensichtlich war: Ein Raum in der Stadt, gemütlich, kommunikativ, ohne Zwang zum Verzehr und Konsum. Hier gibt es zwar Kaffee, aber nicht dieser, sondern die Zeit ist hier zu zahlen, denn von irgendetwas müssen die beiden Betreiberinnen ja leben. Und so leitet sich Klokke wohl ab von Uhr und Glocke.

Bei aller Sympathie weckt dieses Konzept bei mir auch grundsätzliche Fragen: Wenn wir einen Kaffee trinken, betrachten wir das im Allgemeinen als privat, aber klar ist auch, viele Tassen Kaffee werden in der Stadt nur getrunken, um zu sitzen und zu reden. Egal ob bei Tschibo, Grimminger, Cafe Vogelfrei… Wenn es in der Stadt einen solchen Bedarf nach Räumen für Kommunikation und zum Verweilen gibt, ist dies eher ein Interesse von allgemeiner Art. Sollte deren Erfüllung nicht zu den öffentlichen Aufgaben gehören? Ich meine, dass die Stadt solche Räume nicht selbst betreiben müsste, aber Initiativen zu solchem Gemeinwohl sollte sie unterstützen. Denn das Zeitgeld bleibt eine Zugangsbeschränkung und macht das Anti-Cafe trotz all seiner Attraktivität gewollt oder ungewollt zur Vorhut einer Gentrifizierung in der Neckarstadt-West. Dennoch stößt Klokke eine Tür auf, gibt einen Blick frei auf die Stadt meiner süßen Träume: Eine Stadt mit gepflegten Rückzugsräumen, kulturellen Treffpunkten zum Austausch, gemütlich und frei, ohne Eintritt und Konsum.

Klokke
Mittelstraße 19
Ecke Laurentiusstraße
68169 Mannheim
Tel.: 0621 43709136

Öffnungszeiten
Mo – So: 9 – 21 h

(296) 12.2017

KAZZWOO

27 Sep

Was um Himmels Willen versteht man unter Jazz? Und was zum Teufel ist eine Jazz-Bar? Bei Wikipedia steht über Jazz, ursprünglich ein sozial abwertender Begriff, dass er nach Miles Davis eigentlich Great Black Music heißen sollte, also nix für die AFD und tatsächlich für mich in erster Linie schwarz, Billie Holiday, Ella Fitzgerald, Herbie Hancock, Sun Ra, Louis Armstrong, Oscar Peterson, Charlie Parker, … treibend, pulsierend, wie Miles Davis´Fahrstuhl zum Schafott, urban verdichtet, kommunikativ, ebenso kollektiv wie individuell, sodass Programmierer, die perfekte Schachroboter basteln, am Bau einer Jazzmaschine scheitern, weil im Grunde viel zu menschlich, weil vom Körper abhängig, bis sich rauschartig etwas verselbstständigt, sich ablöst, einem befreiendem Höhepunkt zustrebt zur Herrlichkeit, oder manchmal auch gar nicht zustrebt, sondern traumverloren in einem dunklen Blau in irgendeiner Ecke in Einsamkeit, oder mitten auf der Bühne, jedenfalls mit Schweißtropfen im Scheinwerferlicht vor, nach oder um Mitternacht als langgedehnte Note, als letzter Ton vibrierend wie ein Kolibri in der Luft steht und dann sanft in ein Whiskeyglas plumpst. Verdammt, was also ist eine Jazz-Bar? Ja, wahrscheinlich das nicht, aber schau halt mal selbst rein. Beim Atlantis um die Ecke, vielleicht nach´m Kino, dann gibt´s sogar Nachlass.
´
Kazzwoo
Jazz Café Bar
K2, 23
68159 Mannheim
0621 – 4480776

(285) 09.2017

Zum Hühnerstall

30 Jul

Unbeirrt vom stummen Aufschrei meines inneren Veganers überwinde ich die drei Stufen, um im Hühnerstall meine Bestellung aufzugeben. Grillwägen kommen und gehen, der Hühnerstall bleibt bestehen. Drei junge Mädchen vor mir können sich nicht entscheiden, ob sie Pommes geschenkt bekommen wollen. Ein anderer Typ zischt gerade mit einer Tüte ab, nachdem er durch mehrmaliges Antippen auf den Bildschirm, der die fällige Summe überdeutlich ausweist, verstanden hat, was zu zahlen war. „Seit zwanzig Jahren hier und kein Wort Deutsch“ kopfschüttelt die Wirtin. Von wegen Parallelwelt, denke ich, stoßen wohl doch zusammen. Und schon bin ich dran mit meiner Bestellung. Sicher, zwei Halbe gibt´s auch zum Mitnehmen und zwei kühle Eichbaum Pils, oder doch lieber drei…eines für den Durst, eines noch auf den Löbel…
Ich zahle problemlos. Beim Rausgehen grinst mich ein alter Mann zufrieden an, der an einem kleinem Tisch vor einem Teller mit abgenagten Knochen sitzt. Über ihm ein Tapeten-Wandfries mit naiver Malerei vom fröhlichen Landleben. Früher beauftragte man kurz vor Mitternacht einen Taxifahrer seines Vertrauens mit dem Hähnchenabholen. Jetzt freut´s mich grade, dass ich selbst hier bin.

Zum Hühnerstall
Am Meßplatz 5
68169 Mannheim
Telefon: 0621 3362389

(281) 07.2017

Andalucia

25 Apr

Zugegeben, ich bin kein Spanienkenner. Aber muss ich ja auch nicht sein, um das Andalucia als Glücksfall zu erleben und der fängt schon damit an, dass das Restaurant ziemlich zentral, nämlich am Ring gelegen ist. Mag sein, dass andernorts die Tapas raffinierter, die Weine erlesener und was weiß ich sind, wir fanden die Paella frisch und lecker und die herzliche Bewirtung ist kaum zu toppen. Jedenfalls haben wir in Mannheim selten leidenschaftlichere Gastgeber erlebt, ja im Grunde muss ich schon sehr weit zurück denken bis in die 1980er zu Pit Steiger und seiner Stadt Nürnberg in der Filsbach. Apropos Leidenschaft: Flamenco, Gitarre, Gesang und Tanz gehören dazu, jeden Donnerstag und im erwähnten Glücksfall auch mal an einem anderen Tag. Ich wette, dass in ganz Mannheim kein Holzboden einer Bühne dermaßen runtergetanzt ist, wie im Andalucia. Die Athmosphäre im Raum ist im übrigen durch die üppige Dekoration mit unterschiedlichsten Sammelsurien ohnehin schon warm, allerdings bietet das Lokal ausreichend Platz, sodass kein Gefühl der Enge entsteht. Der eigentliche Wahnsinn ist aber, dass das Andalucia 12 Stunden, nämlich von 17:00 Uhr bis morgens 5:00 Uhr in der Früh geöffnet hat! Ein Umstand, der unschwer erahnen lässt, dass im Andalucia schon etliche Legenden geboren wurden. Im Sommer ist´s auch auf der Terrasse lauschig.

Andalucia
U6, 8
68161 Mannheim
Tel: 0621-333242

(269) 04.2017

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